09:44 Uhr | 09.04.2018
Obwohl ich häufig in Altenburg weile und als „halbtouristische“ Besucherin hier nicht nur gelegentlich einkaufe und sogar zum Frisör gehe – ergo für Umsatz sorge - zähle ich wegen der Hauptwohnsitzregelung leider nicht zu den Stimmberechtigten für den OB-Entscheid. Schade eigentlich, denn mein Herz hängt nach wie vor an meinem Geburtsort und mit großem Bedauern und noch viel mehr Empörung musste ich die geradezu desaströse Entwicklung der letzten 18 Jahre miterleben. In Abwandlung eines berühmten Heine-Gedichts kann ich nur schreiben: „Denk` ich an Altenburg in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ich kann nicht mehr die Augen schließen. Und meine heißen Tränen fließen!“ Mein kürzlich unternommener österlicher Spaziergang hat mir trotz hellem Sonnenschein die dunklen Seiten noch einmal so richtig deutlich gemacht. Die Stadt ist in einem erbärmlichen geschäftlichen wie baulich bedenklichem Zustand. Ladensterben wohin man auch schaut. Diesbezüglich sind beispielsweise die einst belebte Wallstraße und die Johannisstraße so gut wie tot. Die Wohnsubstanz auf dem Markt mit seinem künstlerisch bedeutsamen Renaissance-Rathaus bröckelt. Gegenüber dem Bahnhof und unterhalb der Roten Spitzen, dem Wahrzeichen der Stadt, grüßen Ruinen. Derzeit wird der triste Anblicks allerdings von schmucken Wahlplakaten gemildert. Vorweggenommen: Ich bin partei- aber aufgrund meiner DDR-Herkunft nicht empathielos, bekennende Protestantin und zahle Kirchensteuer. Dank der regelmäßig von mir abgerufenen Google-Überschriften „Altenburg News“ und „TV Altenburg“ habe ich mich recht intensiv vor allem mit den beiden OB-Kandidaten von SPD und CDU beschäftigt, deren Wahlprogramme gelesen und mir ihre Interviews angehört. Mir ist vollkommen klar: Zaubern kann keiner, der Haushalt begrenzt, die Altenburger Einwohnerschaft überaus diffizil. Allerdings finde ich es sehr verwunderlich, dass eine 29-jährige und laut den sozialen Netzwerken bisher überzeugte Leipzigerin mit stark ausgeprägten parteipolitischem Hintergrund, die, bevor sie zur persönlichen Referentin des Noch-Amtsinhabers vor sechs Monaten berufen wurde, nach eigenen Angaben vorher noch nie in Altenburg war, nun die Geschicke dieser arg gebeutelten Stadt lenken will. Der von der Kandidatin selbst als positives Argument beworbene „unverstellbare Blick“ auf Altenburg ist meiner Meinung nach als Qualifikationsmerkmal für so eine wichtige Position einfach nicht ausreichend, um die wirtschaftlich wie demographisch überaus schwierige Situation mit einem seit 2015 halbierten Tourismus zu meistern. Frau Schenks Master-Plan für Altenburg, den seit der Wende vor 27 Jahren in allen Bereichen stark geschrumpften Ort, zu einer lebendigen „Wohn-, Bürger- und Heimatstadt“ zu entwickeln, geht über das plakative Formulieren leider nicht hinaus. Kein Wort davon, wie konkret der notwendige Bevölkerungszuzug in praxi realisiert werden soll! Allein mit ihrer werbenden Mundpropaganda im Verwandten- und Bekanntenkreis, wie schön es sich doch mit einer festen und gut bezahlten Anstellung im öffentlichen Dienst in Altenburg leben lässt, dürfte das notwendige Kaufkraftvolumen nicht maßgeblich zu erhöhen sein. Und wenn sie, wie angekündigt, als erste Maßnahme nach gewonnener Wahl mit allen 450 Verwaltungsmitarbeitern zwecks dringend notwendigem Motivationsschub persönlich sprechen will, wären ja leider schon mehrere Monate vom Amtsjahr rum. Ich gebe zu, ich stehe auch der CDU nicht nahe. Sachlich, an Hand des Wahlprogramms und des Lebenslaufs analysiert, ist OB-Kandidat Neumann aber nicht nur in der Stadt fest verankert, verfügt über reichlich kommunalpolitische Erfahrungen, ist Gründungsmitglied verschiedenster Altenburger Vereine, hat eine solide kaufmännische Berufsentwicklung und kennt sich in der freien Wirtschaft aus, übrigens Personalverantwortung für 800 Leute inklusive.
Marion Schlag/Altenburg-Berlin
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